Die Lasten der Familien heute
Für die Familie sind heute einige Aufgaben hinzu gekommen, und gleichzeitig hat sie ihren gesellschaftlichen Stellenwert eingebüst.
Die Lasten der Familien von heute
(Stefan Eikemann)
In der Familie beginnt der Mensch Mensch zu sein. Alle materiellen Bedürfnisse, aber auch die seelischen, die zum Mensch-werden notwendig sind, werden in der Familie befriedigt. Dass wir fühlen können, dass wir sprechen und denken können, dass wir eine Vorstellung von uns selbst haben, Identität haben, verdanken wir der Familie. Ohne Familie hätten wir nur diffuse Vorstellungen davon, was angenehm und was unangenehm ist, wir könnten nicht denken, würden nur stammeln, und ohne von unseren Eltern gesehen zu werden, könnten wir uns selbst nicht sehen, wir hätten keine Identität. All dies ist so grundlegend, dass man denken sollte, Familie kann gar nicht in die Krise kommen. Nun sind die diesbezüglichen Statistiken ambivalent, ob die Familie wirklich in der Krise ist, wissen wir letztlich nicht so genau. Aber zweifellos wird subjektiv sehr viel über den Wert von Familie gezweifelt. Man heiratet spät oder gar nicht, Paare trennen sich und Jugendliche schneiden immer häufiger und endgültiger das Band zu ihrer Herkunft durch, bzw. 35-Jährige haben noch keinen Frieden mit ihrer familiären Herkunft gemacht
Familie wird als Last erlebt. Der Spagat erlebt zwischen Geldverdienen, Verantwortung bei der Arbeit übernehmen, Kinder hin und her fahren, Haushalt, emotional präsent sein und irgendwo noch für den Partner und für sich selbst was tun wird als Stress und Überforderung erlebt. Väter und Mütter fühlen sich neben dieser Überlastung auch alleine gelassen mit der Verantwortung, die sie in der Erziehung tragen. Medien, Schule und Nachbarn, fühlen sich berechtigt, kritisch das Erziehungsverhalten anderer zu beurteilen, Eltern stehen unter einem hohem Erwartungsdruck der Gesellschaft, während diese sich selbst aus der Erziehungsarbeit immer mehr zurückzieht.
Die schönen Seiten von Familie drohen unter zu gehen.
Was ist geschehen?
Im Wesentlichen sind es vier Bereiche (wenn man den Bereich des Paares einmal unberücksichtigt lässt), in denen Familien wie nie zuvor Aufgaben übertragen worden sind, und die in ihrer Intensität als Last erlebt werden.
Zunächst die da die Zersplitterung (Fragmentierung der Realität).
Jedes Familienmitglied besucht jede Woche vielerlei Orte mit unterschiedlichen Regeln und unterschiedlichen Wertvorstellungen. Die Familie hier einen roten Faden geben herstellen, ohne genau zu wissen wofür eigentlich. Denn kein Familienmitglied kann heute alle Lebensbereiche aller Familienmitglieder auch nur einer Kleinfamilie kennen. Sinn ist das, was menschliches Leben vom tierischen unterscheidet, und Sinn kann nur denjenigen Dingen gegeben werden, die irgendwie in Beziehung zueinander stehen. Dies kann heute nur noch die Familie leisten, obwohl sie damit völlig überfordert ist, sie es eigentlich auch schon nicht mehr kann. Ein anderer Teil der Fragmentierung ist, dass es für die Zusammenkünfte von Großfamilien immer weniger Anlässe gibt, und die Möglichkeiten dazu sich durch geographische Entfernungen verringern. Die Gesellschaft könnte den Familien aber dabei helfen, z.B. indem sie die Schulen für die Familien öffnen würde und diese ihre Zeiten auf die der Familien einstellen würde, und nicht zwanghaft in Zeitschemata einer ruralen Gesellschaft verharren würde. Familien könnten Zugang zu der betrieblichen- oder Arbeitsrealität bekommen, beide Lebensräume könnten durch z.B. Begegnungsräume zumindest ansatzweise integriert werden. Sonderurlaube für Taufen, Heiraten und Todesfälle, könnten auch ein wichtiger Beitrag sein.
Wir machen dies aber nicht, wir lassen die Familien damit alleine.
Als nächstes ist da die subjektive Erfahrung, dass wir nicht mehr auf den Anderen angewiesen scheinen.
Es gibt keinen Hunger und keine kleinen Naturkatastrophen mehr, bei denen alle zusammen helfen müssen und ökonomisch werden wir durch den Staat geschützt. Das absurde Resultat der modernen Technologie und des Sozialstaates ist, dass wir die Abhängigkeit vom Anderen, der Gruppe, der Gemeinschaft nicht mehr sinnlich erfahren. Es wird uns nur noch abstrakt beigebracht. Die neue Aufgabe, den Wert von Gemeinschaft, ohne die keine menschliche Gesellschaft und kein Einzelmensch leben können, jungen Menschen sinnlich beizubringen, wurde komplett der Familie übergeben. Und die Reste, die davon implizit im Schulsystem aus anderen Zeiten noch verankert waren, werden von Reform zu Reform immer mehr aus der Schule rausgekehrt.
Das Alleinesein der Familien nimmt zu.
Weiterhin verspricht die Gründung einer Familie heute keinen gesellschaftlichen Status mehr
- im Gegenteil. In Zeiten ohne Hunger und Krieg wird der darwinistische Kampf ums Überleben durch den Kampf um den gesellschaftlichen Status ersetzt. Nur beruflicher Erfolg ist heute die Währung, mit der gesellschaftlicher Status erreicht werden kann. Der oder diejenige, die zugunsten von Familie darauf verzichten sind also „schön blöd“. In Südtirol ist diese Entwertung noch nicht so weit fortgeschritten, wie im Rest Italiens und im restlichen deutschsprachigen Raum. Darüber können wir froh sein und darum gibt es hier auch noch relativ viele Kinder. Unter Darwins Augen kann man unsere heutige Situation so beschreiben: die Befriedigung des Bedürfnisses die eigenen Gene weiter zu geben (ließ: Familie gründen) senkt meine eigenen Überlebenschancen (ließ: gesellschaftlicher Status). In diesem Konflikt entscheiden sich viele fürs eigene Überleben. Machen wir uns nichts vor, diese Mechanismen wirken in uns viel mehr als es uns recht ist, sie zu ignorieren oder sie zu verdammen, schafft sie nicht aus der Welt, sondern macht uns nur blind.
Heute ist Familie zum Privatproblem geworden, wer die Last der Familie auf sich genommen hat, ist selber Schuld. Wir sollten alle alles dafür tun, dass in Südtirol der Wert und das Ansehen von Familie wieder steigt, oder zumindest nicht weiter sinkt.
Als letztes haben wir Jugendliche auf sanfte und vergoldete Weise aus der Gesellschaft ausgeschlossen,
und es ist die Familie, die sie dann wieder an die Gesellschaft binden soll. Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen, aber sie es dürfen nicht. In der Schule einen Ausflug organisieren, Unterricht organisieren, Verantwortung für die eigene Lebenswelt übernehmen - oft schlagen Schüler das vor. Die Reaktion: Versicherungsfragen lassen es nicht zu, Zeitdruck, Stoffdruck, die Lehrer, die sich auf so etwas einlassen müssen mehr arbeiten und werden dafür noch kritisiert, usw. Jugendliche dürfen in die Diskothek gehen, sollen sich vergnügen, bekommen einen Scooter, Geld und das Essen serviert - aber bitte, sie sollen es nicht zu weit treiben, sodass wir uns nicht wirklich mit ihnen beschäftigen müssen. Und außerdem, hat dann sowieso wieder die Familie versagt. Als neulich eine Lehrerin Verantwortungsübernahme als pädagogisches Ziel für eine Oberschulklasse formulieren wollte, entschied die Lehrerkonferenz dass dies nicht ginge, mit der Begründung, dass wir ja nicht beim Militär seien.
Familien (sowie das Militär) sollen Jugendlichen also nun Verantwortung beibringen, während die Gesellschaft um sie herum ihnen die Pflicht sich zu vergnügen und Alibihandeln (formal korrektes, aber sinnloses Verhalten, das darauf abzielt nicht kritisiert werden zu können) anbietet und ihnen verbietet Verantwortung zu übernehmen.
Hier arbeitet die Gesellschaft den Familien entgegen, kritisiert sie und lässt sie alleine.
An zwei Punkten möchte ich in meiner Darstellung nicht falsch verstanden werden. Zum einen ist Familie etwas wunderbares, es ist der Ort wunderschöner und manchmal auch schrecklicher Gefühle. Es ist aber der Ort, wo die Einsamkeit im Leben und Sterben aufgehoben oder zumindest gemildert werden kann. Um keinen Preis der Welt würde ich mich gegen Familie entscheiden, aber der Preis ist heute effektiv hoch. Nur wer bereit ist, sich nicht um den sozialen Statuts und ökonomische Nachteile zu kümmern, wird heute bereit sein, Familie zu gründen. Dies sind verständlicherweise wenige.
Zum zweiten habe ich nichts gegen die Schulen, im Gegenteil, sie schaffen Informiertheit und damit Demokratie und ohne sie wären wir nicht alphabetisiert, und ich bewundere Lehrer für die schwierige Arbeit, die sie machen. Ich habe Beispiele aus der Schule genommen weil sich in ihr sehr deutlich ein allgemeiner Zustand der Haltung der Gesellschaft gegenüber den Familien und den ihnen „zugeschusterten“ Aufgaben ausdrückt.
Familie ist eine Institution, die die Unbillen des Lebens, Katastrophen und Armut und Entwertung ein wenig Puffern kann. Wir sind der Härte des Lebens dank der Familie nicht so sehr ausgesetzt wie wenn wir alleine wären. Familie ist der Ort, an dem die Werte der kommenden Generation vorbereitet werden. Sie sollte uns allen am Herzen liegen, durch die Internationalisierung wird das ökonomische Klima rauer werden und das meteorologische Klima ebenso. Alle haben wir Familie, aber nicht alle wollen oder können wir sie weitergeben. Die Familie übernimmt Aufgaben für die Gesellschaft, die an keinem anderen Ort sonst übernommen werden könnten. Die Familie braucht die Gesellschaft und die Gesellschaft braucht die Familie. Die Lasten in der Gesellschaft werden für alle größer, auch deshalb weil wir immer mehr gesellschaftliche Bereiche voneinander abtrennen. Dies führt dann zu schwer wahrnehmbaren Ungleichgewichten und vor allem zu Ungerechtigkeitsgefühlen, die, berechtigt oder nicht, unser Handeln bestimmen. Wie lange dies gut gehen kann, vermag keiner zu sagen. Sicher ist, dass die beste Zukunftsinvestition, noch vor Bildungspolitik und Forschung, die gesellschaftliche Integration von Familien und die Unterstützung der Familien bei ihrer sinnstiftenden, Bindung schaffenden und gleichzeitig zur Autonomie anregenden und zum Allgemeinwohl erziehenden und Funktion ist.