35 Jahre Familienberatung


35 Jahre Familienberatung - die Herausforderungen von heute (2010)

In Italien wurden 1975 die Familienberatungsstelle vor allem aus der Notwendigkeit heraus gegründet, einen Ort zu schaffen, wo Gynäkologen und Kinderärzte ambulant für Frauen und Mütter zur Verfügung standen. Unsere Beratungsstelle orientierte sich von Anfang an dem österreichischen Modell, bei dem es vor allem um die psychosoziale Hilfe für die ganze Familie, also Vater, Mutter, Kinder, Opa, Onkel, usw. ging. Diese Orientierung wurde von den politischen Verantwortlichen die meiste Zeit sehr geschätzt, war aber hin und wieder nicht reibungsfrei in die italienischen Rechts- und Verwaltungsdefinitionen integrierbar.

Die 80er Jahre war die Zeit des Individualismuses, und die Klienten kamen, um ihr Leid individuell zu lösen. Da es zur Veränderung Motivation notwendig ist, stellten wir uns in den Beratungsstellen auf diesen Zugang ein, um den Keim für Veränderung zu legen.

Die 90er Jahre waren von der gesellschaftlichen Stimmung her eher eine Zeit der Freude über das Ende des kalten Krieges und der Erwartung, was nun werden würde. Die Institutionen des Gesundheits- und Sozialwesens widmeten sich vor allem dem Thema Transparenz und Effizienz. Im Hinblick auf die Beratungsstellen fand dies seinen ersten Endpunkt im Jahr 2002, mit der Einführung eines neuen Finanzierungssystems, das uns alle dazu brachte, unsere Arbeit besser darzustellen, und wir die Effizienz stärker in den Fokus nahmen, als bisher. In dieser Hinsicht hat er viel zur Weiterentwicklung, zur Professionalisierung und zur Legitimation der Familienberatungsstellen beigetragen.

Nach der Jahrtausendwende begannen sich innerhalb der Familien, mit denen wir arbeiten neue große Probleme abzuzeichnen, die weder in ihrer Ursache noch in ihrer Wirkung als individuelle klinische Probleme verstehbar oder als solche lösbar sind. Stichworte die im Zusammenhang mit diesen neuen Problemen auftauchen sind: Trennungen, lieblos zusammen lebende Paare mit Kindern, hochstrittige Paare, Alleinerziehende - meist Mütter, überlastete Eltern, Zeitmangel in Familien, Familien mit psychisch kranke Eltern, offene und stillschweigende Schulverweigerung, Familien die durch Änderungen in der Arbeitswelt und im Bildungssystem sozial abgehängt werden, mit Delinquenz sympathisierende Familien, Gewalt, Vernachlässigung, usw.. Diese Nebeneinanderstellung von Phänomenen möchte diese weder gleichstellen noch werten, aber wenn wir uns überlegen, dass sich hinter all diesen Stichworten Lebenswelten von Kindern verbergen, erkennen wir, dass wir hier vor einem Problem der Integration der neuen Generation in die Gesellschaft stehen - ohne dass ich an dieser Stelle von Migrationsphänomenen rede, welches noch hinzu kommen.

Aufgrund unserer Einsicht in den Schulalltag sind heute 10%-20% (eher in Richtung 20%) der Kinder eines jeden Jahrgangs der einheimischen Bevölkerung gefährdet, bezüglich des Gelingens ihrer Integration in die Gesellschaft. Die Behandlung der angesprochenen Phänome als individuelles Leid und Krankheit schiebt die betroffenen Kinder und ihre Familien eher zusätzlich an den Rand, als dass es sie integriert. Ganz davon abgesehen, dass das Gesundheitssystem schon aufgrund der schieren Anzahl der problematischen Situationen, überfordert wäre. Ebenso wenig genügt aber der Appell, die Eltern sollen halt ihre Verantwortung wahrnehmen. Gerade sind dazu nicht in der Lage. Auch geht es nur bei einer Minderheit der betroffenen Familien um geldliche Unterstützung oder psychische Gesundheit. Es geht um Gesamtbedingungen, die geeignet sind, dass nicht 20% der neuen Generationen aus der Gesellschaft heraus fallen – und, im besten Fall keinen Beitrag leisten - wahrscheinlicher ist aber ist, dass sich viele von ihnen, auf eine für die Gesellschaft kostenintensive Randwirklichkeit einstellen. Wirklich leisten werden wir uns das kaum können.

Kinder und Jugendliche, deren Eltern aus welchem Grund auch immer, nicht in der Lage sind, sie in die Gesellschaft hinein zu begleiten, brauchen echte und dauerhafte Beziehungsangebote. Sie (und ihre Familien) müssen das persönliches Interesse ihres Gegenübers spüren, dass er sie begleiten möchte und dass er daran glaubt, dass sie kompetent genug sind (oder werden können), innerhalb der Gesellschaft erfolgreich sein können, auch wenn er sie hin und wieder vor unbequeme Situationen stellt. Zusätzlich müssen wir alle, nicht nur die Fachleute, wieder auf Manieren und Verhaltensnormen bestehen. Beispielhaft für diese Verhaltensnormen nenne ich an erster Stelle Zuverlässigkeit und Freundlichkeit. Ein milieuübergreifender Verhaltenskodex ist noch vor jeder Schulbildung die Grundlage für berufliche und soziale Integration, und die Voraussetzung für zumindest relative Chancengleichheit. Heute ist er aber alles andere als selbstverständlich.

Die Beratungsstelle versucht im Moment das ihre dazu beizutragen, dass einige dieser Situationen gepuffert werden. Die Grenzen, an die sie dabei stößt sind vor allem: die Vielzahl von Normen (zivilrechtliche Regelungen „Versicherung usw.“, Zuständigkeitsverteilungen, Bedingungen der Ressourcenverwendung, usw.), Zeitmangel und die Schwierigkeit neben sehr professionellem Handeln auch als Person gestützt und getragen zu werden, wenn man den Klienten mit persönlichem Interesse begegnet.
Die Integration der jungen Generation, hat die westliche Gesellschaft seid dem 2. Weltkrieg mehr und mehr den Familien überlassen. Die wurde zunächst als große Befreiung empfunden. Heute stößt dies an Grenzen, und die Gesellschaft - wir alle - müssen uns dieser Aufgabe wieder annehmen, und im kleinen wie im Großen unseren Teil der Verantwortung für die Integration der neuen Generation wieder übernehmen.
Aus meiner Sicht ist dies neben der demographischen Alterungsfrage die wichtigste Herausforderung der nächsten 10-20 Jahre.

Als Beratungsstelle sind wir dabei, innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen uns dieser Problematik anzunehmen. Aber es bedarf neuer Konzepte, neuer Handlungsoptionen, Zeit, Professionalität und Rückendeckung für gelingende und andauernde Begegnungen. Wir wünschen uns, dass wir gemeinsam den Zeitpunkt nicht verpassen, diese Herausforderung anzunehmen. So wie es in den letzten Jahren mit dem Phänomen der älter werdenden Bevölkerung gelungen ist.

DDr.Stefan Eikemann